Woran denkst Du bei Sarajevo?

Eine meiner ersten Erinnerungen an ein Sportereignis waren die Olympischen Winterspiele in 1984. Ich war acht Jahre alt und DDR-Sportlerinnen und Sportler gewannen eine Medaille nach der nächsten. Und Vucko war mit Abstand der sympathischste Wolf, den ich kenne. 

Nur acht Jahre später sollte sich der Name Sarajevo ganz anders in unser Gedächtnis brennen. Die Stadt wurde im Jugoslawienkrieg ganze 1.425 Tage belagert und über 11.000 Zivilisten starben. Letzte Woche war ich das erste Mal auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung selbst in dieser spannenden Stadt. Ich traf mich mit Frauenrechtlerinnen, Politikern, Vertretern der Presse und der LGBT-Community und auch mit meinem ehemaligen Landtagskollegen Sven Petke (CDU), der dort jetzt das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung leitet. Sarajevo ist eine unglaublich faszinierende und lebendige Stadt, der man die Spuren des Krieges jedoch immer noch ansieht. Die Mischung der unterschiedlichen Religionen und Kulturen und die tolle Bergwelt machen den besonderen Reiz dieser Stadt aus. 

Politik in Bosnien und Herzegowina

Das Friedensabkommen von Dayton beendete den Krieg. Bosnien und Herzegowina ist seitdem international anerkannt. Hier leben Bosniaken, Kroaten und Serben gemeinsam, insgesamt ca. 3,5 Millionen Menschen. Nach dem blutigen Krieg konnte so das Sterben beendet werden. Doch der komplexe Staatsaufbau zeigt, dass die Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen mehr eingefroren als überwunden sind. Der Staat Bosnien und Herzegowina besteht zu 49 Prozent aus der Republik Srpska und zu 51 Prozent aus der Föderation Bosnien und Herzegowina. Diese wiederum hat 10 Kantone. Die meisten politischen Parteien orientieren sich an den ethnischen Bevölkerungsgruppen. Die Präsidentschaft wird von 3 Personen abwechselnd ausgeführt. Diese kommen aus den einzelnen Bevölkerungsgruppen und regieren abwechselnd für jeweils 8 Monate. Insgesamt ist die Politik in Bosnien und Herzegowina sehr an den drei nationalen „Interessen“ ausgerichtet. Die Hälfte des Volkes nahm nicht an den letzten Wahlen teil, weil sie offenbar nicht mehr an Veränderungen glaubt. Es gibt aber durchaus Hoffnung auf Überwindung dieser Spaltung des Landes. So regiert im Kanton Sarajevo derzeit eine progressive Mehrheit aus nicht nationalistischen Parteien, die für viele junge Menschen ein Hoffnungszeichen ist. 

Ein europäischer Islam?

Die ethnische Zusammengehörigkeit in Bosnien und Herzegowina entspricht weitestgehend der religiösen Orientierung. Serben sind meist orthodoxe Christen, Kroaten in der Regel katholisch und Bosniaken meistens muslimischen Glaubens. Die letztere Gruppe ist mit ca. 50 Prozent Bevölkerungsanteil auch die größte. Der Islam prägt seit Jahrhunderten Sarajevo. Die Sultane schufen diese Stadt als Handelszentrum. Man findet hier alte Moscheen und einen Islam, der in der europäischen Kultur und Lebensart verwurzelt ist. In letzter Zeit wird Bosnien und Herzegowina jedoch auch Ziel von Ländern wie Saudi-Arabien, die versuchen ihre Interpretation des Islam zu verbreiten. 

Wer daran zweifelt, ob der Islam zu Europa gehört, dem empfehle ich eine Reise nach Sarajevo. Bosnien und Herzegowina ist ein europäisches Land mit europäischen Musliminnen und Muslimen.

Eine Perspektive in der Europäischen Union

Nach dem Jugoslawienkrieg sind mehrere Teilstaaten entstanden, die sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben. Kroatien ist seit 2013 Mitglied der Europäischen Union. Andere Staaten wollen auch gerne in die EU, die Aussichten sind aber derzeit recht vage. Bosnien und Herzegowina hat zwar 2016 einen Beitrittsantrag gestellt, aber bisher verlaufen die Verhandlungen mit der EU recht zäh. Das liegt unter anderem an dem komplizierten Staatsaufbau, der grundlegende Reformen nur sehr langsam umsetzen lässt. Aber auch der Aufnahmewille der EU wird in der Region hinterfragt. Viele hatten gehofft, dass die EU die Anstrengungen von Nord-Mazedonien anerkennen würde und in der letzten Woche konkrete Zusagen macht. Stattdessen wurde mal wieder eine Entscheidung verschoben. Dabei hat in Nord-Mazedonien die Politik den Konflikt mit dem griechischen Nachbarn unter großen Kraftanstrengungen beigelegt und auch den Konflikt mit den eigenen nationalistischen Strömungen nicht gescheut. Darauf sollte die EU mit der Aufnahme von Beitrittsgesprächen reagieren. Auf dem Balkan warten viele auf dieses Zeichen. Denn wenn die EU der jungen, gut ausgebildeten Generation in dieser Region keine Perspektive zu Hause eröffnet, wird sich die Massenauswanderung der klügsten Köpfe weiter fortsetzen. 

Vier Wünsche, die ich für die Region habe 

  1. Nehmt Sarajevo in Eure Reiseplanung auf. Spannend, sicher und preiswert könnt ihr so Geschichte, Kultur und wunderbare Natur erleben.
  2. Unterstützt der ersten Pride March in Bosnien und Herzegowina am 8. September durch Eure Aufmerksamkeit bzw. Teilnahme
  3. Ein klares Zeichen der EU für die schnelle Aufnahme von Mitgliedsgesprächen mit Nord-Mazedonien und eine konkrete Perspektive für die anderen Beitrittskandidaten.
  4. Die Stärkung des unabhängigen Journalismus in der gesamten Region und der Aufbau eines vom staatlichen Einfluss freien öffentlich-rechtlichen Rundfunks in allen Beitrittsstaaten muss zentrales Kriterium der EU für weitere Gespräche sein. 

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